Tonkino Saalbau.
Treffpunkt für Freunde des analogen Films

Gran Lux DIY-Film - 14.03.2012

Paul Krimmer (links) und Markus Steinkellner

Paul Krimmer (links) und Markus Steinkellner ©Sabine Pichler

 

Gespräch mit Paul Krimmer, Gründer des Tonkino Saalbau, über analoge Filmkunst.

 

Von Thomas Askan Vierich

 

Paul Krimmer ist ein Anhänger der analogen Filmtechnik. Seit die Filmindustrie vehement auf digitale Filme und Projektionen setzt, sind analoge Geräte, vom Entwickler bis zum Projektor, erschwinglich geworden. Das ist gut für unabhängige Filmemacher und leidenschaftliche Cineasten wie Krimmer.

„Ich halte nichts von der Funktionsweise der bestehenden Kinoindustrie. Das Kino tötet sich selbst durch seine Distributionspolitik. Deswegen arbeite ich so unabhängig wie ich kann“, sagt er. “Die staatlichen Fördersysteme bekommen eine andere Version der Wirklichkeit verkauft, die ihnen genehm sein soll. Dadurch verliert sich aber jeglicher Realitätsbezug und darunter leidet wiederum die Qualität der Arbeit.“ Dann setzt er hinzu: “Natürlich – die Förderung freien Schaffens gibt einigen sicher große Möglichkeiten, das bestreite ich nicht. Dann muss diese aber wirkliche Freiheiten ermöglichen: Fragen der Gesellschaft für sich selber zu beantworten, und sich dabei etwas trauen und nicht die ewig klassische Selbstbeweihräucherung weiter zu lehren. Dabei ist es nur eine Frage des Blickes.”

 

Auch technisch ist Krimmer unabhängig: Er kann in seinem Filmatelier im Tonkino Saalbau analoge Filme komplett selbst produzieren und dann im angeschlossenen Vorführraum für 40 Zuseher projizieren. Das Projizieren ist ihm besonders wichtig: „Erst dadurch werden Filme zum Leben erweckt.“ Im Tonkino Saalbau werden auch Filme im Sinne der Filmforschung und des gelebten Kinos vertont: Wie zuletzt am 20. Dezember 2011, als die vier Musiker Markus Steinkellner, Leon Leder, Robert Pockfuß und Bernhard Höchtel an Gitarren und Synthezisern Krimmers halbstündigen Experimentalfilm „I Saw War in Warszawa“ mit ihren Klängen vervollständigten. Das Oszillieren zwischen atonalen Geräuschkulissen, rhythmischen Strukturen und melodischen Fragmenten passt ganz wunderbar zu Krimmers Film, der zwischen Schwarz-weiß und Farbe wechselt, zwischen fast schon narrativ-bildlichen und dann wieder völlig abstrakten Passagen.

 

Die Musiker beim Livevertonen

Diese abstrakten Aufnahmen entstanden durch die Manipulation der Kamera: Was der Betrachter sieht, sind die Stellen des Films zwischen den eigentlich zu belichtenden Bildern, in dem Moment, wenn ein Bild zum nächsten transportiert wird. So etwas – zum Beispiel – geht nur mit analogem Film. Damit möchte Krimmer einen Spannungsbogen beim Zuseher erzeugen, ihn in guter alter Experimementalfilmmanier in eine „Zwangssituation“ versetzen: Er muss minutenlang verschwommene Streifen betrachten – bis wieder Gegenständliches aus dem analogen Chaos auftaucht. „Natürlich sind diese Zwischenbilder auch eine Provokation, eine Kampfansage an das Bild“, sagt er. „Schönheit entsteht im Chaos und in der daraus entstehenden reinen Form. Es muss sich etwas entwickeln können, das freie Spiel.”

 

„Alles beim analogen Film ist am Leben“, sagt er. Deswegen arbeitet er auch gerne mit abgelaufenenen Materialen und hat auch keine Scheu vor Dreck. Das führt zu „Unfällen“, die er bewusst in Kauf nimmt, auch wenn es sehr viel Energie kostet: Das wirkt dann wie ein Katalysator, um an sich selbst zu wachsen. Fast alle guten Filmemacher haben mit analogem Material gelernt. Es bietet vor allem einen höheren Kontrastumfang. Nur so kann man verstehen, was Licht ist, wie eine Blende funktioniert, das Verhältnis von Licht und Raum erleben: Dass jede Kante das Licht bricht und so alles Gegenständliche den Raum mit dieser Energie durchfluten lässt, es muss nur aus dem richtigen Winkel, zur richtigen Zeit und mit der richtigen Brennweite konzentriert werden.

 

Aber er glaubt trotzdem, dass der analoge Film und die analoge Filmkunst ihre Chance haben. „Nicht das Effiziente überlebt, sondern die Variation. Es muss etwas Komplementäres zum Mainstream geben.“ Paul Krimmer verklärt nicht nostaligisch die Vergangenheit. Aber er vergleicht die technische Entwicklung beim Film mit der einer Drum-Machine. Erst hatte man sich gefreut, dass man so ein exaktes Gerät zur Verfügung hatte. Dann stellte man fest, dass es steril klang, zu perfekt. Um das zu beheben, baute man nachträglich kleine Fehler ein. Das nannte man „Humanizer“.

 

Abgesehen vom Zauber der technischen Reproduzierbarkeit befindet sich in seinem Schaffen ein starker politischer Bezug zur Gegenwart, betont er noch: “Denn was immer wir tun, der Unterschied zwischen uns ist die Reflexion, wie wir uns sehen, wie wir uns erleben. Welches Mittel dafür eingesetzt wird, ist an und für sich egal. Denn das ist es, worum es hier geht, es ist immer alles gleich, hier und jetzt.”

 

Tonkino Saalbau