Making architectural Music: Portrait Kaffe Matthews

Gran Lux Filmnacht - 16.04.2012

Die britische Künstlerin Kaffe Matthews macht Musik, die man mit allen Sinnen erleben kann. Denn man kann Klang nicht nur hören. Bässe fühlt man vor allem im Bauch, man spürt, wenn ein Zug über eine Brücke fährt, auf der man selbst steht. Bekannt ist die Sound-Artist unter anderem für ihre Klangobjekte wie das „Sonic Bed“. Wer in diesem Bett liegt, erlebt Töne über Vibrationen, die sich direkt auf den Körper übertragen.

 

The Making of Sonic Bed, London, 2005

 

Kaffe Matthews hat als Kind fleißig Geige geübt. Dann studierte sie Medizin und hatte keine Zeit mehr für das Instrument. In ihren frühen Twen-Jahren kehrte sie wieder zurück zur Musik. Sie spielte in verschiedenen Bands, bis sie Sampler und elektronische Musik für sich entdeckte. „Wenn man mit Elektronischer Musik arbeitet, kann man Musik jenseits der üblichen Paradigmen erschaffen“, sagt Matthews. „Man kann mit Textur und Dichte arbeiten, Farben und Umrissen, mit dem Aussehen von Klang. Melodische und rhythmische Belange rücken in den Hintergrund.“

 

Der nächste Meilenstein in ihrer Karriere war die Entdeckung der LiSa-Software. Damit verfügte sie über ein digitales Framework, das ihr erlaubte alle möglichen Klänge aufzunehmen, zu manipulieren, zu verarbeiten, neu zusammenzusetzen – und zwar live vor Publikum. Ihre Arbeit besteht seitdem hauptsächlich darin, zu entscheiden, was sie weglässt. Sie kommt mit einer leeren Festplatte zu ihren „Konzerten“ und dann „reitet” sie die Technologie, sammelt vor Ort Klänge. Am spannendsten wird es für sie, wenn die Computer sich verselbstständigen, verrückt spielen. „Wirklich, ich arbeite an dieser fragilen Grenze zwischen Erfolg und totalem Misserfolg“, gestand sie in einem Interview mit dem US-amerikanischen Kurator Anthony Huberman. „In einer Minute klappt alles ganz prima und in der nächsten wird alles ein furchtbares Desaster.“

Solche Sessions bestreitet sie oft zusammen mit Partnern. In der Performance Pointy Stunt erzeugte die Künstlerin Hayley Newman mit ihren Bewegungen Klänge, die Matthews live an ihrem Laptop weiterverarbeitete, welche dann das Publikum hören konnte. In den Schuhen und in der Kleidung der Künstlerin steckten Mikrofone und Sensoren. Matthews zeichnete ihre Bewegungen auf und machte daraus Klänge, Musik. Die Zuschauer konnten Musik buchstäblich sehen, nicht nur hören.

Einmal hat sich Kaffe Matthews mit dem elektroakkustischen Musiker Alan Lamb in den australischen Busch gesetzt und jene Klänge aufgenommen, die 200 Meter lange gespannte Drähte erzeugten. „Das war wie Fischen“, erinnert sie sich. „Wir saßen da stundenlang mit Kopfhörern und lauschtem dem Summen der Drähte, an die wir Sensoren angebracht hatte. Bis die Kombination aus Drahtlänge, Temperatur und Resonanz des Bodens die Drähte plötzlich zum Singen brachte. Die Musik, die sie erzeugten, erinnerte an einen fantastischen elektronischen Chor. Damals begann ich Musik mit anderen Systemen als nur mir selbst zu machen.“

 

Matthews arbeitet für ihre Soundart-Projekte immer wieder mit wissenschaftlichen Einrichtungen zusammen. Auf den Galapagos Inseln erforschte sie z.B. in Kooperation mit der Charles Darwin Foundation die Sonosphäre von Hammerhaien um so eine Mehr-kanalige Klanginstallation zu bauen. Matthews “Haiprojekt” (eine 3D-Komposition aus den Routen, welche Hammerhaie im Meer nehmen) soll am 4. Mai beim Bluecoat-Festival in Liverpool vorgestellt werden. Zudem arbeitet Kaffe Matthews an Wetterstationen, im Weltraum oder sie lässt ihre Klänge von Fahrradfahrern erzeugen. Radfahrer werden im September 2012 zu einer Fahrradoper in Gent beitragen: The Swamp that was, a bicycle opera, A sonic journey through now and the past. Auch das Medium Radio hat sie für sich entdeckt. Weil es beim Radio um die Vibration von Molekülen geht. Alles passiert in der Luft: „Und darum geht es auch in meiner Musik: Die Luft hören!“ Man darf gespannt sein, welche Live-Sound-Collage Kaffe Matthews für die Performance Man With Mirror des britischen Filmemacher Guy Sherwin in der Gan Lux Filmnacht am 5. Juni entwickeln wird.

 

Von Thomas Askan Vierich

 

The Swamp that was, A bicycle opera, Gent, 2012

 

Hammerhead sharks gather at Wolf Island, Galapagos, 2009