Ein Gespräch mit Jörg Lukas Matthaei über Drogen und Mainstream-Gesellschaft

Into the City, Paradis Artificiels - 24.04.2012

Unter dem Label „matthaei & konsorten“ sind in den letzten zwölf Jahren an die 40 Arbeiten im Bereich „performing arts & diskursproduktion“ entstanden – in erster Linie partizipative, interaktive Theaterprojekte im öffentlichen Raum. Im Projekt PARADIS ARTIFICIELS werden matthaei & konsorten unterschiedlichste Wiener mit Drogenerfahrung porträtieren und den Besuchern auf außergewöhnliche Weise nahe bringen. Into the City hat Jörg Lukas Matthaei zwischen Dortmund, Berlin und Wien am Telefon erreicht.

Der deutsche Theaterregisseur Jörg Lukas Matthaei entwickelt „neue Formate für urbane Landschaften“. Er sucht nach besonderen Orten, markiert sie künstlerisch und überschreibt sie gemeinsam mit den Mitspielern neu. Das kann ein fast verlassenes Dorf im Schatten einer Flughafen-Lärmschutzwand sein, ein Asylbewerberheim in einem alten Industriehafen oder der Showroom eines Projektes für Luxusappartments direkt auf dem Berliner Mauerstreifen.

Diese Inszenierungen liefern keine einstudierten Vorgänge, die für die Zuschauer wie im Theater wiederholbar ablaufen, sondern sie erschaffen das „Angebot einer Situation“, Zuschauer werden zu „Mitreisenden“, zu Akteuren im Spiel. So werden Codes und soziale Regeln aufgebrochen und es eröffnen sich neue Perspektiven: „Engineering Situations“ anstelle von Abbildungen der Wirklichkeit. Solche Projekte dauern oft länger als eine Theateraufführung – bis hin zu mehreren Wochen. Manchmal engagieren matthaei & konsorten Schauspieler, häufig aber eher Personen aus ganz anderen Bereichen: Baumspezialisten ohne festen Wohnsitz oder Theoretiker posthumaner Lebenswelten, Drogenfahnder oder osteuropäische Schönheitsberaterinnen. Das Ergebnis ist ein Mosaik der „ganz normalen Gegenwarten“, durch das wir uns täglich bewegen – häufig ohne es wahrzunehmen.

 

Paradis-Wohnmobil ©Sabine Pichler

In Wien werden matthaei & konsorten ein Wohnmobil zu einer fahrbaren Forschungs- und Sendestation machen. Es bietet den Ausgangspunkt für individuelle Stadtreisen durch die Audio-Porträts (Songlines) von Menschen mit Drogenerfahrung. Radio Artificielle sendet jeden Tag live aus dem Wohnmobil: Dort wird mit Radiogästen über das Verhältnis von Drogen und Mainstream-Gesellschaft diskutiert. U.a. mit: Kurator Edek Bartz, der Theaterwissenschaftlerin Brigitte Marschall, der Ethnologin Anja Schwanhäußer und der Historikerin Katrin Unterreiner, die über den Drogenkonsum der Habsburger geforscht hat. Wiener DJs werden den passenden Soundtrack zwischen Grill und Kühlbox auflegen. Näheres ab Anfang Mai unter www.paradisartificiels.at

 

 

 

Interview:

Into the City: Du bist gerade aus Dortmund zurück. Was planen matthaei & konsorten dort?

Jörg Lukas Matthaei: Ein Projekt in der Dortmunder Nordstadt, einem sogenannten sozialen Brennpunkt. Hier werden im Juni Einheimische, Besucher als Aktien verkaufen. Das wird als eine Art Game ablaufen: Die Zuschauer sind zu Fuß unterwegs, der ganze Stadtteil wird zur Bühne und über 50 Leute arbeiten vor Ort mit uns zusammen.

ITC: Mit Paradies Artificiels seid ihr bereits zum zweiten Mal bei Into The City dabei – was habt ihr beim ersten Mal inszeniert?

JLM: 2010 hieß unser Projekt Schwellenland. Wir haben die Mitspieler „ausgebürgert“ und sie hatten dann zehn Tage Zeit, sich wieder um ihre Einbürgerung zu bemühen: Sie mussten krude Übersetzungen in Internetcafés anfertigen, Scheinehen eingehen und beweisen, dass es keine sind, sie ließen sich am Stadtrand medizinisch versorgen, arbeiteten schwarz am Naschmarkt. Für die Ausbürgerungszeremonie hatten sich 500 Leute angemeldet, die Einbürgerung schafften am Ende keine zehn. Obwohl sie von Immigranten mit Erfahrungen als „Illegalisierte“ gecoacht wurden.

ITC: Wer sind eigentlich die Konsorten?

JLM: Unser Team vor Ort, das bei jedem Projekt anders zusammengesetzt ist. Wir suchen immer wieder neue Menschen, die uns helfen, die örtlichen Netzwerke kennenzulernen.

ITC: Ihr bindet neben den Konsorten immer wieder andere Personen als Akteure in eure Projekte mit ein. Wer sind diese Personen bei Paradis Artificiels?

JLM: Menschen mit Drogenerfahrungen. Was ein sehr sensibler Bereich ist, denn bei Drogen herrschen immer noch unglaublich viele Vorurteile und Ängste. Daher wollen unsere Gesprächspartner auch anonym bleiben, sie hatten Sorge gebrandmarkt zu werden.

ITC: Was sind die „Songlines“ (Audio-Portraits), die die Besucher hören werden?

Die Besucher können bei uns mit einer fremden Stimme am Ohr durch urbane Areale gehen, während sie selbst entscheiden, wo und wie sie in die Geschichte dieses Lebens eintauchen möchten. Die Erzählungen sind dabei vor allem individuelle Porträts unterschiedlichster Menschen, die mit Drogen zu tun hatten oder haben, aber nicht darauf reduziert werden. Ihre Entscheidungen, Sehnsüchte oder Flüchte. Und nicht selten ist auch viel Humor dabei.

ITC: Wo werden die Mitspieler hingeführt? Zum Karlsplatz?

JLM: Gerade nicht! Das wird keine „Drogentour“ durch Wien. Wir werden eher besondere Orte in allen Ecken der Stadt aufsuchen, die nicht auf den ersten Blick mit Drogen zu tun haben. Es geht auch darum, die vordergründige Abgrenzung der Mainstream-Gesellschaft zu Drogenkonsumenten zu unterwandern. Denn in Wien leben nach Schätzungen 10.000 bis 15.000 Konsumenten von Drogen und Substituten und die allermeisten davon fallen nicht sonderlich auf. Viele Erwachsene, mit denen wir gesprochen haben, haben auch in ihrer aktiven Zeit Beziehungen gelebt und Berufe ausgeübt. Das reicht von Managern über Immobilienmakler bis zu Angestellten bei Gericht und kreativen Studenten. Das Bild des „Junkies vom Karlsplatz“ ist ja auch ein medial und politisch gewolltes, um gewisse Effekte zu erzeugen.

 

Von Thomas Askan Vierich