Into the City Eröffnung: Türkischer Punk und Wrestlerinnen in 3D

Festivalzentrum, Into the City, Urban Sounds of Turkey - 13.05.2012

„Die Quellenstraße ist schon etwas ganz Besonderes“, sagt Wolfgang Schlag, der Kurator von Into the City, in seiner kleinen Eröffnungsansprache. „Wir haben 48 Friseure gezählt, das dürfte Weltrekord sein!“

 

Festivalzentrum ©Sabine Pichler

Drinnen im Festivalzentrum, in der Gebietsbetreuung Stadterneuerung im 10. Bezirk, laufen Videofilme über die Bewohner der Quellenstraße – im Rahmen von „Post it!“ von ihnen selbst gedreht – oder von Studierenden der FH Joanneum aus Graz. Journalismus von unten. Da wird gefragt: „Woher kommst du?“ und gleichzeitig die Sinnhaftigkeit dieser Frage hinterfragt. Denn diese scheinbar naive Frage kann ja unterschwellig auch etwas unterstellen: „Woher ich komm?“, fragt ein junger Mann mit Tättowierungen am Hals. „Also generell? Aus dem Zehnten natürlich!“ „Eigentlich aus der Türkei“, sagt eine junge Frau mit schwarzem Kopftuch. „Aber geboren bin ich Wien.“ Natürlich spricht sie akzentfrei Wienerisch. „Ich bin ein stolzer Afghane“, sagt ein anderer junger Mann mit Sonnenbrille. Ebenfalls akzentfrei. „Von der Arbeit“, antwortet eine Frau, die eher klassisch „Wienerisch“ aussieht.

 

Post it! ©Sabine Pichler

In einem kleinen Kino im Festivalzentrum sitzen Menschen mit komischen Brillen auf der Nase. Sie sehen einen Film in 3D über Wrestler. Und Wrestlerinnen. Während sich die knapp bekleideten, muskulösen Damen dreidimensional bespringen, diskutieren im Off weibliche Stimmen das „K-Wort“ und das „F-Wort“ und Begriffe wie „Irritainment“. Das gehört zum Kunstprojekt Dolce After Ghana zum „End of the Feminism“. Und wer es noch nicht kapiert hat: Das „F-Wort“, das unaussprechliche, ist „Feminismus“ und das „K-Wort“ natürlich „Kommunismus“. Ein Schelm, wer an etwas anderes gedacht hat… Diesen Film über echte Wrestlerinnen und Wrestler in einem kunst- und gesellschaftstheoretischen Zusammenhang hat J.J. Kucek (aka Max Wegscheidler) gedreht. Überraschenderweise war die 3D-Technik, die man in einem Low-Budget-Dokufilm eher nicht erwartet hätte, das kleinere Problem: „Dafür brauchst du nur zwei ganz normale Sportkameras“, erklärt Kucek. „Mit einem Standard-Schnittprogramm legst du die Bilder dann übereinander, schon hast du 3D.“ Das größere Problem waren die Boxer. Denn eigentlich wollte Kucek seinen Film über die Boxclubs an der Quellenstraße drehen. Doch die interessierte nur Kohle – egal ob es sich um die alteingesessene Boxunion oder den türkischen Boxclub handelte: Kucek darf nur rein, wenn er zahlt. Da er das aber weder wollte noch konnte, hat er sich an den Crazy Wrestling Club in Favoriten gewandt. Die waren begeistert, auch ohne sich bezahlen zu lassen.

 

Post it! ©Sabine Pichler

„Post it!“ findet auch jenseits des trotz Kälteeinbruchs am Eröffnungstag gut besuchten Festivalzentrums statt. In „Alis Teestube“ läuft zum Beispiel ein autobiografischer Videofilm, teilweise im Splitscreenverfahren, über das Leben und die Liebe von Ali, dem wiedergeborenen Christen, den seine türkische Frau aus Deutschland bekehrt hat. Eine lustige Geschichte, die die beiden nicht ohne verschmitztes Grinsen erzählen. Wie das Leben so spielt. In Favoriten, in der Quellenstraße. Am Quellenplatz kann man sich im Würstelstand zu seiner Currywurst Berliner Art Tonspuren verschiedener Leute anhören: Der Standbetreiber erzählt von seiner seiner gemischten Kundschaft, ein Polizist berichtet, wie gefährlich Favoriten wirklich ist, wo immer wieder Szenen für den „Tatort“ gedreht werden. So etwas gibt es an vielen Orten in der Quellenstraße: In einer Bäckerei hängen Familienfotos und Geschichten der Inhaber, die zur ersten Generation der „Gastarbeiter“ gehören, im Kulturverein Atatürk liegt ein Interviewbuch des „Post-it!“-Leiter Thomas Wolkinger aus, in dem er Aussagen von „spirituellen Menschen“ rund um die Quellenstraße über „Gott und die Welt“ gesammelt hat, darunter eine Ärztin, ein Pfarrer oder der Korrespondent eines türkischen Fernsehsenders, dessen Produktionsbüro auch in der Quellenstraße liegt, der „Straße der Friseure“.

 

Dies alles und viel mehr (zum Beispiel eine sehenswerte kleine Buchstabenausstellung) kann man ab jetzt jeden Tag im Festivalzentrum und rund um die Quellenstraße besichtigen. Ein hübscher Folder zeigt, wo was zu sehen und zu hören ist.

 

Post it! ©Sabine Pichler

Am Eröffnungstag gab es dann aber noch viel Musik: Zuerst die Superrar-Kinderchöre mit serbischen Tanzliedern und umgedichteten „Ach du lieber Augustin“-Versionen. Danach legt die deutsch-türkische DJane Ipek ihren typischen „Eklektik BerlinIstan“-Sound auf: Eine Mischung aus elektronischer Tanzmusik und südöstlicher Rhythmik: Was gut zusammenpasst, speziell in der Quellenstraße. Die Leute beginnen sofort zu tanzen, am Ende mischt sich Ipek selbst unter die Tanzenden. Arm in Arm tanzen sie so etwas wie einen türkischen Volkstanz.

 

DJn Ipek bei der Arbeit ©Sabine Pichler

Ipeks Soundtrack leitet nahtlos zum Topact des Abends über: Hakan Vreskala, der türkisch-kurdische Musiker, der in Schweden lebt, rockt mit seiner Band das Haus. Und das ist ausnahmsweise mal kein Klischee. Er rockt wirklich, von der ersten Minute an, als er seine riesige Trommel noch zu den Klängen von „Eklektik BerlinIstan“ schlägt und sein sehr schwedisch aussehender Gitarrist im karierten Holzfäller-Flanell-Hemd noch die Gitarre anstöpselt. Was dann folgt ist ein Punkrock-Konzert mit türkischer Musik. Oder ist es Ska mit politischer Agitation? Auf alle Fälle pure Energie, genährt von einer tiefsitzenden Wut über den „Zustand“ der Welt, man darf annehmen im Fall Hakan Vreskala besonders in „Kurdistan“. Während das Bläserduo stakkatoartige Soundpfeile schleudert, kniet Vreskala auf der Bühne und liest etwas über das Osmanische Reich vor – auf Türkisch. Dann umarmt er grinsend seinen Saxofonisten und sagt: „This Swedish musician plays so good turkish music.“ Nicht nur er. Schade, dass Hakan Vreskala nicht jeden Tag im Festivalzentrum spielen kann. Am Sonntag, 13. Mai um 16 Uhr gibt er einen Trommelworkshop und am Abend ein akkustisches Konzert.

 

Von Thomas Askan Vierich

 

Hakan Vreskala & Band ©Sabine Pichler

Hakan Vreskala (rechts) und sein schwedischer Bassist ©Sabine Pichler